Fast jeden Tag auf Tour

Das Tor zum kulinarischen Paradies misst einen Meter auf Einmeterfünfzig. So zumindest scheint es, wenn Heidi Werner die Heckklappe des weißen Kleinbusses öffnet, um die nicht mehr ganz taufrischen Quarkteilchen und die angehauenen Kuchenecken an die Bewohner der “Container” im Frankfurter Ostpark zu übergeben. Mit der Einfahrt des Transporters ist Leben in die Bude gekommen. Hastig aufgeschobene Türen geben den Blick auf Stockbetten frei, die zwischen Containerwänden eingeklemmt sind. Eine Handvoll Jugendlicher bildet eine neugierige Traube um das, was die “Frankfurter Tafel” an diesem späten Frühlingsvormittag auftischt. “Das ess´ ich alles ganz allein” lacht ein massiger Zwei-Meter-Kerl. “Vergiss es, Du bist eh schon fett”, frotzelt ein kleiner Dunkelhaariger im ausgewaschenen Sweatshirt. Wortlos unterschreibt der Betreuer den Lieferschein für die Backwaren, dann verschwindet der fröhliche Trupp palavernd in der Tiefe des Containerdorfs – immer den süß gefüllten Plastikkörben nach.

Heidi Werner hilft ehrenamtlich

Das Containerdorf für Obdachlose ist die letzte der zehn Stationen auf Heidi Werners dreieinhalbstündiger “Brötchentour”. Rund vierzig Kilometer ist die ehemalige Reitlehrerin kreuz und quer durch Frankfurt gekurvt, um von Großbäckereien Backwaren abzuholen und die zu versorgen, denen es am Nötigsten fehlt. “Ich wollte lieber selber etwas tun, als einfach nur Geld zu spenden” sagt die adrette Dunkelhaarige.

Seit über vier Jahren engagiert sie sich bei der “Tafel Frankfurt e.V.” Der 1995 von der umtriebigen Frankfurterin Hella Schmieder gegründete Verein hat sich “Essen für Arme und Obdachlose” auf die Fahnen geschrieben. Und auch auf die fünf gespendeten Transporter, mit denen die 35 ehrenamtlichen Mitarbeiter die aus Nordamerika stammende Tafel-Idee in “Mainhattan” umsetzen: Übriggebliebene, aber lebensmittelrechtlich einwandfreie Nahrungsmittel bei Firmen einzusammeln, um sie zum Beispiel zu den sozialen Einrichtungen in der Stadt zu bringen. Hierzulande entstand die erste Tafel Anfang der 90er Jahre in Berlin. Inzwischen gibt es das Tafel-Konzept in mehr als 300 deutschen Städten. Mit ihrer Hilfe findet das Brot vom Vortag, das so mancher Bäcker nicht mehr verkaufen mag, doch noch zu seiner Bestimmung.

Genau dafür ist Heidi Werner an diesem Morgen gegen halb neun von der Tafelzentrale in der Hanauer Landstraße losgefahren. Zuerst zu “Beckers Backstube”. Dort backt man sogar extra etwas mehr für die Tafel. Drei große Netze frische Cocktailbrötchen und einige Fladenbrote landen im Laderaum des von einem Autohändler gespendeten Kleinbusses. Der Bäcker und der Autohändler sind nur zwei der rund 70 Sponsoren, die der Tafel helfen, monatlich etwa 15 Tonnen Lebensmittel zu verteilen. Dabei geht es einmal quer durch den Branchengarten: Von der internationalen Hotelkette über Lebensmittelhändler- und firmen bis hin zur Werbeagentur und zum Wärmetechnikunternehmen ist alles vertreten.

Eine zweite Backwarenquelle sprudelt im Stadtteil Rödelheim. Die Bäckerei Geishecker hat im Vorraum des Brotfabrikhofs Plastikkörbe mit Brot und Süßgebäck vom Vortag gestapelt, fast bis unter die Decke. Heidi Werner parkt den Kleinbus vor dem Betriebsgelände, schnappt sich eine Karre und hat die große Auswahl. Die Konkurrenz war noch nicht da: Der Lastwagen, mit dem ein Schweinemäster die unverkauften Waren abholt, fährt erst in den Hof der Bäckerei, als sie schon vierzehn Kisten mit Crossaints und Kuchen, Teilchen und Brot in den Kleinbus gewuchtet hat.

Zurück im vormittäglichen Berufsverkehr manövriert sie die nicht mehr ganz heiße Ware durch die Schluchten der Bankenmetropole am Main. Aus der betriebsamen Hektik taucht der Kleinbus immer wieder ab ins unansehnliche – in das arme, meist stille und beinahe unsichtbare Frankfurt. Das dreistöckige dunkelgraue “Sleep In” – eine Unterkunft für obdachlose Jugendliche liegt ebenso auf der Tour wie die Bahnhofsmission, das Obdachlosencafe “Hinterhof”, die Sozialstation der Weißfrauengemeinde und die “Druckstube” in der Elbestrasse. In der Drogenhilfestelle sind besonders die Süßwaren gefragt. “Das Rauschgift entzieht dem Körper ganz massiv Nährstoffe” sagt Heidi Werner, die die “Vorlieben” der einzelnen Stationen an ihre Mitstreiter in der Tafelzentrale weitergibt. Die werden dann bei den nächsten Touren berücksichtigt.

Von Station zu Station, von “Danke” zu “Danke” schmilzt der Backwarenberg. Nach dem letzten Stop in Ostpark scheint der Kleinbus vollkommen leergeräumt. Doch auf dem Rückweg vom Containerdorf klopft Heidi Werner noch im Park die Brotkrümel aus dem Teppich, der die Ladefläche des Minitransporters bedeckt. “Für die Vögel”.

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